Susanne sitzt vor dem Weihnachtsbaum und formt mit den Händen ein Herz
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Persönlichkeit

Wie komme ich durch Weihnachten, ohne dass alles wieder aufbricht?

11. Dezember 2026 · 6 Min. Lesezeit · von Susanne Wachter

Es ist nicht Heiligabend, vor dem du dich fürchtest. Es ist der Moment danach. Wenn die Geschenke ausgepackt sind, die Familie satt auf dem Sofa sitzt, und du in dein Handy schaust, ob er geschrieben hat. Oder du liegst am 24. Dezember um 23 Uhr in deinem alten Kinderzimmer und denkst: Letztes Jahr um diese Zeit.

Weihnachten verstärkt alles. Die Nähe, die da ist. Und die, die fehlt.

Ich möchte dir heute keinen Durchhalteplan geben. Ich möchte dir zeigen, wo die Feiertage am schwersten sind und wie du durch diese Stunden kommst, ohne dich zu verlieren.

Warum tut Weihnachten so viel mehr weh als ein normaler Tag?

Weil es der Tag im Jahr ist, an dem Zweisamkeit zur Norm wird.

Das ganze Jahr über darfst du allein sein, ohne dass jemand fragt. An Weihnachten wird aus „allein" plötzlich „ohne". Jeder Tisch hat Paare, jede Frage der Tante zielt auf dein Leben, jedes Lied handelt von Zuhause. Dein System bekommt den ganzen Tag das Signal: Alle haben jemanden.

Dazu kommt die Erinnerung. Weihnachten ist ein Tag mit festen Bildern, und in deinen Bildern vom letzten Jahr war er noch drin. Dein System greift auf diese Bilder zurück, weil es für dieses Fest noch keine Erfahrung ohne ihn hat. Das erste Weihnachten nach einem Abschied ist eine Premiere. Premieren sind immer schwerer als die zweite Aufführung.

Und dann die Feiertagsnachricht. Viele Männer, die sich monatelang nicht gemeldet haben, schreiben am 24. oder am 31. Dezember. „Frohe Weihnachten, ich denke an dich." Dieser Satz kann eine Woche Arbeit an dir in drei Sekunden zunichtemachen, wenn du nicht vorbereitet bist.

Erklären heißt nicht entschuldigen. Du darfst verstehen, warum diese Tage schwer sind. Und du darfst trotzdem entscheiden, wie du sie gestaltest.

Was mache ich, wenn er schreibt?

Nichts, sofort. Das ist die ganze Regel.

Eine Feiertagsnachricht ist keine Entscheidung von ihm. Sie ist meist ein Impuls aus Sentimentalität, Alkohol oder der gleichen Einsamkeit, die du auch spürst. Wenn du sofort antwortest, antwortest du seinem Impuls mit deiner Hoffnung. Das ist ein schlechter Tausch.

Leg das Handy weg. Atme. Und entscheide am 26. oder am 2. Jänner aus Ruhe, ob und was du antwortest. Was du am 24. schreiben würdest, ist selten das, was du am 26. noch schreiben willst.

Drei Kerzen auf einem Tisch, dahinter der Abendhimmel
Eine Kerze, die du für dich anzündest: So bekommt der Tag ein neues Bild.

Wie komme ich durch die schweren Stunden?

Mit einem Fahrplan für die drei schweren Stunden. Nicht für die ganzen Feiertage, nur für die Momente, die es wirklich in sich haben:

Der Fahrplan für die drei schweren Stunden

1

Benenne deine drei Stunden. Bei den meisten: der Abend des 24. nach dem Essen, der Morgen des 25. beim Aufwachen und Mitternacht am 31. Schreib sie auf. Was einen Namen hat, überrascht dich nicht mehr.

2

Für jede Stunde ein Mensch und ein Ort. Nicht „ich werde stark sein", sondern konkret: Am 24. um 22 Uhr schreibe ich meiner Freundin. Am 25. früh gehe ich eine halbe Stunde raus, bevor ich mit jemandem rede. Um Mitternacht am 31. stehe ich neben jemandem, den ich mag, nicht am Handy.

3

Eine Handy-Regel für alle drei Stunden. Flugmodus für diese Stunden, und zwar vorher eingeschaltet, nicht erst, wenn es schwer wird. Wer nichts sehen kann, muss nichts aushalten.

4

Ein eigenes Ritual am 24. Etwas, das nur dir gehört und das es letztes Jahr nicht gab. Eine Kerze, die du für dich anzündest. Ein Brief an das Jahr, das zu Ende geht: drei Dinge, die du losgelassen hast, und eines, das du mitnimmst. So bekommt der Tag ein neues Bild, in dem er nicht vorkommt.

Nach diesem Weihnachten hat dein System eine Erfahrung mehr: Ich bin da durchgegangen. Nächstes Jahr ist es keine Premiere mehr.

Wann sollte ich genauer hinschauen?

Wenn die Schwere nicht an den Feiertagen hängt, sondern seit Wochen jeden Tag da ist, wenn du kaum schläfst, kaum isst oder dich auf nichts mehr freuen kannst, dann ist das mehr als Weihnachten ohne ihn. Dann sprich bitte mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, auch in den Feiertagen. Das trägst du nicht allein.

Dein nächster Schritt: die Loslass-Analyse

Die Feiertage zeigen dir sehr genau, was dich noch hält. Wenn du wissen willst, ob es er ist oder die Leere, die er hinterlassen hat, dann hilft ein ehrlicher Blick: Die Loslass-Analyse. In etwa 20 Minuten bekommst du eine klare Auswertung, was dich hält, was sich schon bewegt hat und wo dein nächster Schritt liegt. Noch vor Heiligabend.

Zur Loslass-Analyse

Häufige Fragen

Soll ich ihm Frohe Weihnachten wünschen?

Wenn du es aus Ruhe tust und keine Antwort brauchst, ist es eine Geste. Wenn du es tust, weil du hoffst, dass daraus ein Gespräch wird, ist es ein Haken, an dem du selbst hängst. Schreib den Wunsch in dein Notizbuch, nicht in sein Handy. Am 2. Jänner weißt du, ob er noch wichtig war.

Wie überstehe ich die Fragen der Familie?

Mit einem Satz, der vorher feststeht: „Das ist gerade kein Thema für mich, erzähl mir lieber von dir." Kurz, freundlich, und dann die Frage zurück. Du bist keinem Weihnachtstisch eine Erklärung schuldig.

Ist es schlimm, wenn ich mich an Weihnachten zurückziehe?

Nein, solange du es wählst und nicht darin versinkst. Ein Abend allein mit einem Film und einer Kerze kann liebevoller sein als drei Feiern, an denen du dich zusammenreißt. Wichtig ist nur, dass mindestens eine deiner drei schweren Stunden einen Menschen hat.

Von Herzen, Susanne