Susanne Wachter steht am Balkon und schaut nachdenklich ins Morgenlicht
Persönlichkeit

Warum vermisse ich ihn ausgerechnet dann, wenn es mir gut geht?

16. Oktober 2026 · 5 Min. Lesezeit · von Susanne Wachter

Drei gute Wochen. Du hast wieder geschlafen, dich mit Freundinnen getroffen, sogar über etwas gelacht, das nichts mit ihm zu tun hatte. Du hast gedacht: Ich glaube, ich bin durch.

Und dann sitzt du an einem Sonntagnachmittag auf dem Balkon, die Sonne steht schräg, alles ist eigentlich schön — und plötzlich fehlt er dir so sehr, dass es körperlich wehtut.

Der erste Gedanke ist fast immer derselbe: „Alles umsonst. Ich bin wieder da, wo ich angefangen habe."

Bist du nicht. Und ich möchte dir heute genau erklären, warum.

Warum kommt die Sehnsucht ausgerechnet in den guten Momenten?

Weil Sehnsucht Platz braucht — und den hat sie erst, wenn es dir besser geht.

In den ersten Wochen nach einem Verlust ist dein System im Überlebensmodus: funktionieren, durchkommen, den Tag schaffen. In diesem Zustand hat der Körper keine Kapazität für die tiefere Schicht. Er hält sie zurück, weil du sie gerade nicht tragen könntest.

Wenn dann Ruhe einkehrt, meldet dein System: Jetzt ist Raum. Und schickt nach oben, was noch offen ist. Deshalb kommt die Welle so oft im Urlaub, an einem freien Sonntag, in der ersten wirklich entspannten Woche.

Es gibt noch einen zweiten Grund, und der ist fast noch schöner: Schöne Momente wollen geteilt werden. Der Sonnenuntergang, der erste gute Tag, die kleine Nachricht vom Chef, über die du dich gefreut hast — dein Impuls, das jemandem zu erzählen, ist gesund. Er sucht sich nur noch die alte Adresse. Das ist kein Rückschritt. Das ist eine Gewohnheit, die noch keine neue Richtung hat.

Heißt das, ich habe keinen Fortschritt gemacht?

Nein — und das lässt sich sogar nachprüfen. Fortschritt zeigt sich nicht daran, dass keine Wellen mehr kommen. Er zeigt sich an drei Dingen:

Wenn du auch nur bei einem dieser drei Punkte etwas anderes siehst als vor drei Monaten, dann bewegt sich etwas. Und es bewegt sich anders, als die meisten es erwarten: Es geht nicht um eine Wunde, die einfach zugeht, sondern um ein System, das sich neu einpendelt. Einpendeln bedeutet immer Ausschläge — nur werden sie kleiner.

Ruhiger See mit Holzsteg im Abendlicht
Eine Welle im Meer: Du stellst dich nicht dagegen und wirfst dich nicht hinein. Sie kommt — und sie geht wieder.

Was mache ich, wenn die Welle da ist?

Nicht wegdrücken — und auch nicht mitschwimmen. Es gibt einen dritten Weg, und der geht so:

Die drei Schritte in der Welle

1

Nimm sie an wie eine Welle im Meer. Du stellst dich nicht dagegen und du wirfst dich nicht hinein. Du sagst innerlich: „Ah — eine Welle. Sie kommt, und sie geht wieder." Allein diese Benennung nimmt ihr einen großen Teil ihrer Wucht, weil dein System merkt: Das ist bekannt, das ist überstehbar.

2

Zwanzig Minuten Zeit. Stell dir wirklich einen Wecker. Zwanzig Minuten darfst du alles fühlen — weinen, kramen, den alten Chat lesen, wenn es sein muss. Wenn der Wecker klingelt, stehst du auf und gehst raus, und sei es nur um den Block. Ein Rahmen ist kein Verbot. Er ist das Versprechen an dich selbst, dass es einen Ausgang gibt.

3

Gib dem Impuls eine neue Adresse. Der Drang zu teilen ist echt — schick ihn woandershin. Schreib der Freundin den Satz, den du ihm geschrieben hättest. Oder schreib ihn in ein Heft, das nur dir gehört. Jedes Mal, wenn der Impuls eine andere Adresse findet, lernt dein System eine neue Verbindung.

Wann sollte ich genauer hinschauen?

Wenn die drei Marker sich über Monate nicht bewegen — die Wellen kommen gleich oft, dauern gleich lang, enden gleich. Dann fehlt dir keine Zeit mehr, dann fehlt eine neue Erfahrung. Und die entsteht selten allein im Kopf.

Dein nächster Schritt: die Loslass-Analyse

Wenn du wissen willst, wo du wirklich stehst — und was dein System noch festhält —, dann schau ehrlich hin. In etwa 20 Minuten bekommst du eine klare Auswertung: was dich hält, was sich schon bewegt hat und wo dein nächster Schritt liegt. Kein allgemeiner Ratgeber, sondern eine Antwort auf deine Situation.

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Häufige Fragen

Wie lange kommen diese Wellen noch?

Ehrlich: Es gibt kein Datum, an dem sie aufhören. Was es gibt, ist ein Punkt, an dem sie ihre Macht verlieren — an dem du eine Welle bemerkst, kurz innehältst und weitergehst. Viele erleben diesen Punkt deutlich früher, als sie befürchtet haben.

Ist es ein schlechtes Zeichen, wenn ich noch weine?

Nein. Tränen sind kein Rückschritt, sondern Verarbeitung. Sorge macht mir eher der Zustand, in dem gar nichts mehr kommt — das ist oft kein Frieden, sondern Taubheit.

Darf ich mir die alten Fotos noch ansehen?

Ja, mit einer einzigen Bedingung: Du entscheidest vorher, wann du aufhörst. Ein bewusster Blick mit klarem Ende ist etwas völlig anderes als ein stundenlanges Versinken um Mitternacht. Der Unterschied liegt nicht im Ansehen. Er liegt darin, wer die Regie führt.

Von Herzen, Susanne